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Thema Spitzensport

 

Ich habe mir erlaubt zum Artikel im Pfalzsport 03 2016 Seite 22 einen Leserbrief zu schreiben, der komplett im Pfalzsport 04 2016 auf Seite 26 abgedruckt wurde.
Vielleicht habt ihr Lust mir darüber eure Meinung mitzuteilen.
Ich würde mich über Rückmeldungen freuen.

Hier der Leserbrief:

 

Sehr geehrter Herr Schwarzweller,

vielen Dank für den Artikel über den Spitzensport im Land, den ich mit großem Interesse gelesen habe.
Sie bitten zum Ende darin, dass die Leser Ihnen schreiben sollen, was ich hiermit gerne tue.

Vorab: Ich bin ein überzeugter Breiten- und Gesundheitssportler, weil ich denke, dass man den Wert von Breiten- und Gesundheitssport gar nicht hoch genug einschätzen kann. Aktuell ist das "Geo kompakt" zum Thema Sport und Gesundheit auf dem Markt und bestätigt meine gewonnenen Erkenntnisse und Ansichten in für viele gut lesbarer populärwissenschaftlicher Form.

Was hat dies nun mit Spitzensport zu tun?

1. Spitzensport ist Hochleistungssport und hat leider keinen der gesundheitsfördernden Effekte des Breitensports. Hochleistungssport ist nahezu das Gegenteil von Gesundheitssport. Polemisch gesagt:
"Wir riskieren die Gesundheit junger Menschen, indem wir sie gleichsam als Galdiator(inn)en zum Lustgewinn für Fernsehzuschauer, Nationalstolze, Wettverrückte oder Verbandsfunktionäre zum Kampf antreten lassen".

2. In den Spitzensport fließen unglaubliche Summen an öffentlichen Geldern, teils durch direkte Zuschüsse und Spitzensportförderung, in viel höherem Maße aber über für keinen von uns (auch wenn er/sie Gegner des Spitzensports ist) vermeidbare Unkosten. Hier sind die Fernsehgebühren zu nennen, aber vor allem die Unsummen, die über Sponsoring bei jedem Kauf sehr, sehr vieler Artikel in den Spitzensport fließen.
Und über den Einsatz dieser Mittel hat die Öffentlichkeit keinerlei Kontrolle - die Ungerechtigkeiten sind leicht erkennbar: Spitzensportler, die in jüngsten Jahren schon Multimillionäre sind im Bereich Fußball und Spitzensportler, die sich die Fahrten/Flüge zu ihren
Wettkämpfen nicht leisten können (Beispiel einer mir bekannten Rudererin). Die hässliche Fratze des Kapitalismus zeigt sich nirgends deutlicher als im Sport-Sponsoring.

Dies alles sollte den Menschen bewusst gemacht und sehr kritisch hinterfragt werden.

Ich gebe gerne zu, dass Spitzensport auch eine Sogwirkung und damit eine positive Wirkung auf den Breitensport hat. Nennen wir als Beispiele einfach mal den Tennisboom zu Becker-Graf-Zeiten oder den Radboom zu Jan Ulrichs Vor-Doping-Zeiten. Aber es darf gefragt werden, ob das die hohen Kosten für die Gesellschaft und die als Invaliden endenden Spitzensportler (und das sind nach meinen Recherchen nicht wenige) rechtfertigt. Wären da öffentliche Mittel im Sinne eines Gesundheits- und Wohlfühlgewinns der gesamten Gesellschaft nicht viel besser und effektiver einzusetzen?

Sie machen zu recht kritisch auf die verschiedene Stellung in der Förderung von olympischen und nicht-olympischen Sportarten aufmerksam. Ist Ringen plötzlich weniger wert und damit weniger förderungswürdig, weil es nicht mehr olympisch ist oder ein Beispiel aus meiner Sportart: Wieso fließen Mittel in die Förderung von Kanurennfahrer(inne)n, wenn die auf flachem Wasser ihre Rennen bestreiten, aber nicht, wenn es sich um nicht-olympischen Wildwasserrennsport handelt?

Und abschließend ein Wort zum Thema Olympiagegner: Ich denke, dass es geradezu die Pflicht eines jeden Bürgers eines Landes oder einer Stadt ist durch ein "Nein" zu olympischen Spielen im eigenen Land/Stadt klar zu machen, dass es so nicht weitergehen darf. Spitzensport ist zur Spielfläche von Spekulanten, Zockern und korrupten Regierungen und Funktionären geworden, denen weder das Wohl der Bevölkerung noch das der Sportler irgendetwas bedeutet.

Vielleicht wäre hier ein grundsätzliches Umdenken von Nöten: Es ist jedem Sportler frei gestellt sich für den Spitzensport zu entscheiden und damit seine Gesundheit zu riskieren, öffentlich gefördert sollte aber der Sport werden, der als Gesundheits- und
Breitensport nachweisliche und maßgebliche Beträge zum Wohl Einzelner und der ganzen Bevölkerung beitragen kann.

Ich bitte Sie die Ausführlichkeit zu entschuldigen, aber ich habe mich schon kurz gefasst und fürchte, dass dennoch zu meinen wahrscheinlich sehr provokanten Ideen weitere Erläuterungen nötig wären.

Mit sportlichen Grüßen
Bernd Dörr